DAS MAHLER PROJEKT

DER ZEITGENOSSE DER ZUKUNFT


Kurt Blaukopf, einer der ersten Mahler-Biographen, bezeichnete den Komponisten als „Zeitgenossen der Zukunft “. Das erscheint zunächst paradox und beschreibt doch präzise die anhaltende Aktualität des bedeutendsten Symphonikers seit Beethoven. Gustav Mahler selbst glaubte, eine Symphonie könne nicht nur, sie müsse sogar „die ganze Welt“ in sich enthalten. Deswegen bündelt sich in seiner Musik das scheinbar Unvereinbare wie in einem Brennspiegel: Anknüpfungen an Beethoven, Schubert oder Bach ebenso wie Kinderlied und Triviales aus der Volksmusik - und noch viel mehr, kurz gesagt: die gesamte ihm damals zugängliche musikalische Erfahrungswelt. Ein grenzenloser musikalischer Kosmos, ohne die geläufigen Trennungen von oben und unten, von Gefühl und Verstand. Daher wird man mit Mahlers Musik – in einem weiteren Sinn als mit aller übrigen – niemals fertig.

Die Bochumer Symphoniker und Steven Sloane stellen sich in den nächsten Jahren unter stets wechselnder Perspektive dieser Herausforderung und gehen, nach dem Zyklus der Orchesterwerke, der gemeinsam mit der Philharmonie Essen realisiert wurde, in ihrem mehrjährigen Mahler Projekt nun mit neuen Ansätzen auf die Reise durch den Mahler-Kosmos. Im ersten Jahr steht mit der Aufführung aller Wunderhorn-Lieder sowie der ersten und der vierten Symphonie die erste Schaffensphase Mahlers im Zentrum. Wir beginnen das Projekt in unserem ersten Symphoniekonzert mit Mahlers Erstling, der in ein Programm gebettet ist, dessen Ausgangspunkt der völlig neue und von den Zeitgenossen sofort als Skandalon empfundene „Mahler-Ton“ ist. Einem Publikum, das sich damals gerade am Gegensatz zwischen Bruckner und Brahms abarbeitete, musste dieser Ton als schiere Provokation gelten.

Der auf den ersten Blick manchmal fremdartig anmutenden Zusammenstellung unserer Konzerte liegt die Idee zugrunde, die für Mahler und das Verständnis seiner Musik zentral erscheint: die Utopie einer jenseits aller musikalischen Genres und Stile, jenseits aller grundlegenden Verschiedenartigkeit kompositionstechnischer Verfahren erfahrbaren Einheit von Musik, die ein offenes, im besten Sinne vorurteilsfreies Hören zum Thema hat.